Der erste Satz

Erinnern Sie sich an den ersten Satz Ihrer Lieblingsgeschichte? Der erste Satz ist wichtig. Ein guter erster Satz entscheidet oftmals schon darüber, ob wir ein Buch weiterlesen, ob wir berührt werden und uns voller Neugier auf die Geschichte einlassen.
„Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“
Das ist der erste Satz des Weihnachtsevangeliums. Es ist das erste Bild, das an Weihnachten in uns geweckt wird. Es beschreibt einen Kaiser, der sich über die Menschen der ganzen Welt erhebt, Befehle erteilt und alle Menschen zwingt, sich unterzuordnen und in lästige Steuerlisten einzutragen. Macht und Bürokratie. Eigentlich kein schöner Satz und kein Bild, kein Gefühl, in das wir an einem Heiligen Abend eintauchen wollen.
Inmitten dieses bürokratischen Vorgangs sucht sich Gott einen Weg, dem Menschen ganz nah zu sein. Gott will so sein wie wir Menschen, auch wenn es eigentlich keinen Platz für ihn gibt. Hätte es für die Geburt Gottes Sohns nicht einen besseren Zeitpunkt gegeben? Hätte es nicht einen schöneren Einstieg in die Weihnachtsgeschichte gegeben?
Vielleicht das romantische Nestbau-Verhalten der Eltern, der Blick in ein Kinderzimmer, das wochenlang vorbereitet wurde, eine Geburtsstation, die im Vorfeld besichtigt und mit anderen verglichen wurde…
Nein, die Wahl des Geburtsorts entsteht aus der Not heraus, angetrieben von der Macht eines Befehlshabers, fremdbestimmt. Und weil die Gasthäuser überfüllt und schwangere Frauen nicht willkommen waren, gab es nicht einmal ein festes Dach über dem Kopf, geschweige denn ein Bett. Tiefer hätte Gottes Sohn wohl nicht sinken können, als inmitten eines bürokratischen Aktes in einer Notunterkunft geboren zu werden.
Was einerseits wie ein völlig unpassender Einstieg in eine Erzählung wirkt, kann andererseits ein Zeichen der Solidarität sein.
Für diejenigen, deren Aufenthaltsort fremdbestimmt ist, die nicht willkommen sind, die keinen Platz haben.
Mit diesem ersten Satz ist die Erzählung aber auch anschlussfähig für alle Menschen, die vielleicht gerade jetzt am Jahresende von bürokratischen Pflichten in die Flucht getrieben werden, die an der Einkommensteuererklärung verzweifeln, die schlaflose Nächte mit der Jahresabrechnung verbringen oder deren Inventur kein Ende nimmt.
Ihnen allen (und jeder /jedem anderen) gilt das Versprechen Gottes, das Jesus von Geburt an im Namen trägt.
Gott weiß, wie es ist ausgestoßen und unterdrückt zu werden, und vor allem diesen Menschen will Gott nahe sein als der Immanuel: Gott ist mit uns!
Eine gesegnete Weihnachtszeit und die nötige Gelassenheit für die bürokratischen Momente zwischen den Jahren
wünschen Ihnen
Tanja Rieger und Clemens Schirmer
Samweis Gamdschie aus "Der Herr der Ringe", ein Pilger der Hoffnung?
Anregung für einen weihnachtlichen Fernsehabend

Welcher Film läuft bei Ihnen in der Weihnachtszeit? „Tatsächlich Liebe“ oder eher „Der Herr der Ringe“? Wenn meine Teenager-Söhne am Drücker sind, fällt die Wahl auf „Der Herr der Ringe“. Ich gebe zu, es kostet mich Überwindung den Film anzuschauen. Die ekelerregende Darstellung der Orks und die blutigen Schlachten brauche ich eigentlich nicht für einen gemütlichen Fernsehabend. Was mich jedoch fasziniert, ist diese phantasievolle Welt, die eleganten Elfen, der weiße Zauberer Gandalf, die Gefährten, die gemeinsam Herausforderungen bestehen und am Ende dem Bösen die Macht nehmen, sodass das Gute bestehen bleibt und die Hobbits in ihr idyllisches Auenland zurückkehren können.
Der verfilmte Fantasy-Roman von J.R.R. Tolkien stellt eine Heldenreise dar, die viele Motive beinhaltet, die zum Nachdenken anregen. An Frodo Beutlin können wir beobachten, wie Macht einen Menschen verändern kann. Die entmenschlichte Darstellung der Kriegsgegner hat Tolkien selbst im ersten Weltkrieg erlebt und wird auch heute noch betrieben um zu verhindern, dass Mitleid entsteht, selbst dann nicht, wenn man über ein Feld voller Leichen blickt. Viele menschliche Abgründe tun sich hier auf. Kaum auszuhalten.
Neben dieser Grausamkeit gibt es aber immer auch die friedlichen Zeiten, die sich im dreiteiligen Werk „Herr der Ringe“ scheinbar wie Jahreszeiten abwechseln. Auch wenn sich die Frage aufdrängt, warum es eigentlich immer wieder zu Kriegen kommt, so ist der Zuschauer beruhigt, weil am Ende immer das Gute bestehen bleibt. Diese Hoffnung verkörpert unter anderem der treue Begleiter der Hauptfigur. „Samweis Gamdschie“ oder kurz „Sam“ genannt, kommt eigentlich nur durch einen Zufall mit auf die Abenteuerreise seines Freundes Herrn Frodo. Während alle guten Figuren des Films ihre Hoffnung auf Frodo setzen, der den Ring der Macht tragen muss solange bis er im Reich des Bösen vernichtet werden kann, ist Sam lediglich der einfache Begleiter. Doch immer, wenn die Mission gefährdet ist, sorgt Sam dafür, dass Frodo die Hoffnung, den Glauben an das Gute, nicht aufgibt. Sam befreit seinen Freund aus der Gefangenschaft, trägt ihn den Berg hoch, als er keine Kraft mehr hat und erinnert ihn immer wieder daran, warum es sich lohnt weiterzugehen. Ohne ihn wäre Frodo nicht am Ziel seiner langen Pilgerreise angekommen. Ohne Sam wäre die Macht des Bösen nicht zerstört worden.
Wie wichtig und wertvoll sind solche Menschen! Ein Freund oder eine Freundin, die in scheinbar ausweglosen Situationen Mut macht und Hoffnung spendet. Solch eine Gefährtin oder einen Gefährten wünsche ich allen, die schwere Zeiten durchleben an ihrer Seite. Jemand, der oder die an der Hoffnung festhält, dass es in jedem Leben auch wieder etwas Gutes geben wird, für das es sich zu kämpfen lohnt. Vielleicht ist diese Haltung die eines „Pilger der Hoffnung“ wie das Motto des Heiligen Jahres 2025 lautet, das zu Weihnachten von Papst Franziskus eröffnet wird. In diesem Verständnis stellt uns das Heilige Jahr die Frage, für wen wir Weggefährtin oder Weggefährte sein können? Wen können wir auf der Pilgerreise durch das Leben begleiten um in den schwierigen Momenten da zu sein, Mut zu machen und die Hoffnung auf das Gute wach zu halten?
Eine hoffnungsvolle Weihnachtszeit, frohmachende Fernsehabende und ein gutes Heiliges Jahr mit treuen Gefährtinnen und Gefährten
wünschen Ihnen Clemens Schirmer und Tanja Rieger